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Viele erkennbare historische Spuren lohnen einen Besuch der Altstadt. Wie schon im historischen Überblick erwähnt, befindet man sich hier an der Wiege der Stadt, die noch einen authentischen Eindruck einer märkischen Kleinstadt vermittelt. Sie gilt uns insgesamt als eine Sehenswürdigkeit, die eine Betrachtung lohnt und auf die wir Besucher, ob Einwohner aus den anderen Stadtbezirken Berlins oder Touristen von außerhalb, gern aufmerksam machen wollen. Hierbei soll es sich lediglich um einige Hinweise und Anregungen aus unserer Sicht handeln, auf die wir bei unserem Erkundungsgang durch die Stadt und beim Studium einschlägiger Quellen gestoßen sind. Jeder Besucher bzw. Betrachter wird dabei sicherlich seine eigenen Ansichten entwickeln.
Unser Weg beginnt an der U-Bahnstation Zitadelle und führt uns auf der Straße Am Juliusturm zur Brücke über die Havel in Richtung Altstadt. Blicken wir von der Brücke nach rechts, so sehen wir die Spandauer Schleuse , die schon im 18. Jahrhundert an diesem Standort existiert und den Wasserstand zwischen Ober- und Unterhavel reguliert. Steigender Schiffsverkehr, der auch zum Bau des Berlin-Spandauer-Schiffahrtskanals führt, macht bereits im Jahre 1910 eine Erneuerung der Schleuse notwendig. Die Einweihung der Anlage in ihrer heutigen Form erfolgt im Jahre 2002.
Kommt man von dieser Seite, so empfiehlt es sich, gleich den Teil der Altstadt nördlich der Straße Am Juliusturm, den Behnitz, zu durchstreifen. Zunächst gehen wir kurz hinter der Brücke rechts ein paar Stufen hinab zu einem kleinen Platz. An der Stelle führte früher die “Steinerne Brücke” über einen Havelarm, den sogenannten ”Alten Rhein” oder “Deutschen Rhein”, und verband so die Straße Behnitz mit der Breiten Straße auf der anderen Seite. 1912 wird dieser Havelarm im Zusammenhang mit dem Bau der Straße Am Juliusturm zugeschüttet. Wir stehen auf diesem kleinen Platz und bewundern die vor uns stehende Kirche St. Marien. Es ist eine dreischiffige Backsteinkirche, 1848 von dem königlichen Bauinspektor Menger, er soll ein Schüler Schinkels sein, errichtet. Die Quellen berichten davon, daß es sich um einen Nachfolgebau einer katholischen Kirche handelt, die auf dem Gelände einer Gewehrfabrik an der Spreemündung stand. Jene Kirche läßt König Friedrich Wilhelm I. 1723 für belgische Arbeiter, die er für seine Rüstungsbetriebe anwerben läßt und die katholischen Glaubens sind, auf deren Bitte in der Nähe ihrer Wohnungen bauen. Es ist übrigens der erste katholische Kirchenbau in Brandenburg nach der Reformation. Wegen der Erweiterung der Rüstungsbetriebe wird die Kirche abgerissen und es entsteht auf dem Behnitz dieser 1848 eingeweihte Neubau. Bemerkenswert ist auch der an seiner Nordwand freigelegte, aus Feldsteinen gemauerte Brunnen , der aus dem 14. Jahrhundert stammt.
Die in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sehr marode gewordene Kirche kauft im Jahre 2001 ein Berliner Ehepaar und läßt sie auf eigene Kosten sanieren, wie aus verschiedenen Quellen hervorgeht. Wir meinen, daß das eine bemerkenswerte kulturhistorische Leistung ist, für die man diesen Menschen dankbar sein muß. Vorher kannten wir die Kirche nur von ihrer Außenansicht. Jetzt, wo sie in neuem Glanz erstrahlt, ist sie auch im Inneren zu bewundern, und wir können nur jedem Besucher empfehlen, sich dieses repräsentative Gotteshaus, das heute auch für kulturelle Veranstaltungen genutzt wird, anzusehen.
Von der Kirche aus unternehmen wir nun einen schönen Spaziergang durch die kleinen Gassen des Behnitz und erfreuen uns an den schönen restaurierten Häusern, die teilweise aus vergangenen Jahrhunderten stammen. Auf einige von ihnen wollen wir besonders hinweisen - so auf das Haus Behnitz Nummer 4 , ein restauriertes Fachwerkhaus aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Behnitz Nummer 5, ein Barockhaus aus dem 18. Jahrhundert. Eine Gedenktafel an letzterem informiert, daß hier der Komponist Wilhelm Heinemann wohnte. Aus anderen Quellen erfahren wir, daß hier auch ein Nagelschmied Poritz seinen Wohnsitz hatte, der im Jahre 1850 an der Befreiung Gottfried Kinkels aus dem Spandauer Zuchthaus beteiligt ist (darauf kommen wir später noch zu sprechen).
Weiter gehen wir den Möllentordamm entlang bis zur Straße Hoher Steinweg. Zunächst sehen wir noch das Gebäude Möllentordamm Nummer 1 an, das aus dem Jahre 1695 stammen soll und in dem sich heute das Restaurant “Spandauer Zollhaus” befindet. Eine weitere Gaststätte, das ”Brauhaus Spandau”, kann man heute in einem Backsteinbau an der Nordseite des kleinen Platzes Oranienburger Tor besuchen. Das Gebäude wird 1880 als Garnison-Waschanstalt gebaut.
Wir biegen hier ab in den Hohen Steinweg. An seiner Nordseite finden wir ein 53 Meter langes Stück der alten Stadtmauer, in seiner ursprünglichen Höhe von 6 Metern. Der östliche Teil zeigt noch Mauerwerk aus dem 14. Jahrhundert. Die heute sichtbaren Teile des Wehrturmes sind jedoch nicht original erhalten, sondern werden bei Abrißarbeiten an alten Häusern freigelegt und nach alten Darstellungen rekonstruiert. Das Bürgerhaus Nummer 5 wird um 1850 erbaut und 1880 aufgestockt. Eigentümer ist zu der Zeit der Küster von St. Marien, der gleichzeitig ein Bildhauer ist und seine Werkstatt in diesem Haus hat. Zum Zeichen seiner Kunst bringt er drei Skulpturen am Haus an. Davon kann man heute noch zwei an der 1967 restaurierten Fassade sehen, die König Friedrich II. und Kaiser Wilhelm I. darstellen.
Vom Hohen Steinweg, den wir nun zurückgehen, kommend biegen wir in die Straße Kolk ein. Dieser Straßenname wird oft auch als Bezeichnung für das ganze Viertel benutzt. Durch diese Gasse kommen wir zurück zur Kirche St. Marien. Zuvor aber sei noch darauf verwiesen, daß sich gerade in dieser Straße eine gelungene Mischung alter und neuerer Bebauung zeigt. Kolk Nummer 1 ist ein modernerer Bau, an dem Reliefs aus der Tonwarenfabrik March eingelassen sind, die sich früher an einem von August Stüler erbauten Wohnhaus im Stadtbezirk Kreuzberg befunden haben sollen. Die Tür des Gebäudes Kolk Nummer 5, eines Neubaus aus dem Jahre 1975, soll aus dem Jagdschloß Glienicke stammen. Im Haus Kolk Nummer, 1750 auf einem noch älteren Keller erbaut, befindet sich schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Gaststätte, die nach 1945 den Namen ”Alte Kolkschänke” erhält und zu den wenigen alten Berliner Lokalen gehören soll, die heute noch über ihre ursprüngliche Einrichtung verfügen.
Zuletzt sei noch auf das Haus Kolk Nummer 12 verwiesen, eines der ältesten Bürgerhäuser auf dem Behnitz. Aus dem “Altstadtbummel Spandau und Drumherum” erfahren wir, daß es 1747 als Doppelportalhaus erbaut wird, ein Bautyp den man im Havelland noch heute finden kann. Die eine Tür führt in die untere Wohnung und in den Hof, während man durch die andere in das obere Stockwerk gelangen kann.
Vom Behnitz gelangen wir über die Straße Am Juliusturm in den anderen, den südlichen und größeren Teil der Altstadt. Auf dem Reformationsplatz stehen wir vor der Kirche St. Nikolai, dem Wahrzeichen der Altstadt.
Vor der Kirche steht das Denkmal Kurfürst Joachim II. , geschaffen von dem Bildhauer Erdmann Encke. Es wird 1889 enthüllt und erinnert an die Einführung der Reformation in der Mark Brandenburg durch den Übertritt des Kurfürsten zum evangelischen Glauben nach der Lehre Martin Luthers im Jahre 1539. Auf dem nördlichen Teil des Platzes, in einer kleinen Grünanlage, die, wie aus den Quellen zu erfahren ist, die erste Grünanlage in Spandau ist, steht auch das älteste Denkmal Spandaus. Nach Plänen Karl Friedrich Schinkels errichtet und 1816 eingeweiht, erinnert es an die in den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 Gefallenen.
Rings um die Kirche lohnt auch ein Blick auf einige der historischen Häuser, die dem Reformationsplatz sein sehenswertes Altstadtgepräge geben. Da ist beispielsweise das Haus Nummer 2, das “Heim-Haus” . Es war einst das sogenannte “Offiziantenhaus”, in dem Angestellte der Stadt mietfrei wohnten. Sein wohl bedeutendster Bewohner war wohl der Arzt Ernst Ludwig Heim (1747-1834), der hier von 1776 bis 1783 praktiziert, bevor er nach Berlin geht, wo er, hochgeehrt, 1834 verstirbt. Eine Gedenktafel am Haus Nummer 2 erinnert an ihn.
Im Haus Nummer 3-4, einem Neubau aus den 1980er Jahren, der sich ganz passabel in das Ensemble des Platzes einfügt, werden bei den Ausschachtungsarbeiten Reste älterer, aus dem 13. Jahrhundert stammender Gebäude gefunden. Sigrid Hoff schreibt in ihrem Stadtteilführer Spandau, daß es sich um Reste einer Klosteranlage der Dominikaner handelt. Bei Grabungen der Archäologen seien außerdem christliche Gräber entdeckt worden, die von einem älteren Friedhof an dieser Stelle zeugten. Durch große Fenster kann der interessierte Besucher einen Blick auf diese Mauerreste werfen.
Unter Denkmalschutz steht auch das Gebäude Reformationsplatz Nummer 5 , das, 1819 im Stil eines florentinischen Palastes errichtet, 1875 als “Höhere und Mittlere Töchterschule” eröffnet wird. Heute ist es Domizil der Volkshochschule Spandau. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß bereits im Jahre 1330 ein Schulneubau an dieser Stelle urkundlich erwähnt wird, wie aus dem “Altstadt-Bummel Spandau und Drumherum” zu erfahren ist.
Erwähnenswert ist auch das Haus Nummer 7, das alte “Wehmütterhaus” . Hinter seiner verputzten Fassade verbirgt sich ein Fachwerkbau. In einer Chronik heißt es dazu:
“Am 29. Dezember 1666 hatte eine Wehmutter nach einer schweren Geburt sich unterstanden, ohne einen Pfarrer zu rufen, das Kind selbst zu taufen. Dies wurde ihr nachdrücklich verwiesen. Am 3. Januar 1667 wurde das Kind öffentlich noch einmal getauft, weil auch die Taufzeugen über die Art der verrichteten Taufe nicht ’einerley’ aussagten und der Vater um eine förmliche Taufe bat.”
Letztendlich sei noch das Haus Nummer 8 erwähnt, das Gemeindezentrum der Kirchgemeinde St. Nikolai. Im neugotischen Stil erbaut, wird es 1900 eingeweiht.
Beendet wir nun den Rundgang um den Platz, so fällt noch das größere Gebäude des früheren Kant-Gymnasiums in der Carl-Schurz-Straße gegenüber der Nikolaikirche auf, das 1915 entstand. Die Schule zieht 1972 in einen Neubau in der Bismarckstraße um. In der ehemaligen Aula des Gymnasiums hat heute das Volkstheater “Varianta” seine Spielstätte gefunden.
Daneben findet sich ein Gebäudekomplex, der schon in der Carl-Schurz-Straße liegt und sich bis zur Ritterstraße hinzieht. In den Quellen finden sich dazu Informationen, wonach bei Bau- und Restaurierungsarbeiten in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts spätmittelalterliche Gewölbe entdeckt werden. Sigrid Hoff schreibt, daß es sich bei der Nummer 49 um eines der wichtigsten Häuser Spandaus handelt, ein gotisches Patrizierhaus, dessen Bewohner vom 15. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts das Amt des Bürgermeisters ausüben. Danach, in der Ära der Spandauer Garnison, residieren darin die Regimentskommandeure, so auch der Bruder Friedrich des Großen, Prinz Heinrich, der es zum Palais umbauen läßt und nach dem es dann auch “Prinz Heinrich Palais” genannt wird. Auch König Friedrich der Große selbst soll einige Male darin zu Besuch geweilt haben. 1854 wird es dann Sitz des Königlichen Kreisgerichtes und später des Amtsgerichtes. Im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, wird es nach dem Krieg abgetragen. Die alten Gewölbe werden bei den Vorarbeiten für einen Neubau entdeckt und sind erhalten. Sie können auf Antrag besichtigt werden.
Das daneben befindliche Haus , auch über einem Gewölbekeller aus dem 14. Jahrhundert errichtet, wird schon 1726 als Gasthof mit Ausspann urkundlich erwähnt. Es soll sich damit um das älteste Hotel Berlins handeln. Als Hotel beziehungsweise Gasthof “Zum Stern” fungiert es von 1726 bis 1982. Danach wird das unter Denkmalschutz stehende Gebäude restauriert und modernisiert und von neuen Bewohnern bezogen.
In den umliegenden Straßen und Gassen des Reformationsplatzes finden sich einige weitere interessante Objekte. Über eine Treppe gelangen wir vom Reformationsplatz zur Mönchstraße . Dort finden wir ein Denkmal des Freiherrn von und zum Stein. Laut Baedekers “Berlin-Spandau” handelt es sich um eine Arbeit des Künstlers Gustav Eberlein, die ursprünglich in der Siegesallee im Tiergarten gestanden habe und dort im Jahre 1901 enthüllt worden sei. Stein sei beim Schreiben der von ihm maßgeblich ausgearbeiteten Städteordnung Preußens dargestellt.
Von der Mönchstraße biegen wir links in die Philipp-Gerlach-Gasse und gelangen so zur Breiten Straße, wo wir uns zunächst ebenfalls nach links wenden. In der Nummer 32 finden wir das älteste erhaltene Bürgerhaus Berlins, das "Gotische Haus" . Sigrid Hoff bezeichnet es in ihrem “Stadtteilführer Spandau” als eines der bedeutendsten mittelalterlichen Baudenkmale nicht nur Spandaus, sondern des gesamten Berliner Raumes. Teile stammen vom Ende des 15. Jahrhunderts. Im Verlaufe der Jahrhunderte gibt es vielerlei Umbauten, nicht zuletzt auch durch einen Brand im Jahre 1788. Nach seiner 1987 erfolgenden Restaurierung und der des angrenzenden Bürgerhauses Nummer 31, das aus dem Jahre 1770 stammt, steht es unter Denkmalschutz. Heute beherbergt es ein Museum und wird für kulturelle Veranstaltungen genutzt.
Es sei noch auf das Haus Nummer 35 verwiesen, in dessen Hof ein runder Feldsteinbrunnen aus dem 14. Jahrhundert zu finden ist.
Weitergehend in die Kammerstraße gelangen wir zur Havel. Am Eckhaus zum Lindenufer befindet sich eine Gedenktafel . Wir erfahren, daß hier seit 1895 die Synagoge der jüdischen Gemeinde Spandau stand, die in der Pogromnacht am 9. November 1938 von den Faschisten zerstört wird. Ein Denkmal am Lindenufer, das 1989 eingeweiht wird, erinnert ebenfalls daran.
Blicken wir an dieser Stelle vom Lindenufer auf die gegenüberliegende Seite der Havel, so sehen wir die Einmündung der Spree . An deren nördlicher und südlicher Seite waren die preußischen Rüstungsbetriebe gebaut worden.
Unweit vom Lindenufer gelangen wir durch die Wasserstraße hinein in die Fischerstraße, wo wir uns nach links wenden. Auch hier treffen wir auf einige alte, sehr schön restaurierte Häuser, so beispielsweise das Eckhaus Nummer 26 , ein Barockbau aus dem 18. Jahrhundert, und die beiden sich anschließenden Fachwerkhäuser , ebenfalls Doppelportalhäuser wie schon das bereits erwähnte auf dem Behnitz.
Zurück zur Wasserstraße und durch diese hindurch, die Breite Straße überquerend, kommen wir auf den Markt, den Mittelpunkt der Altstadt. Hier findet man kaum noch Altbausubstanz, da sie beim Luftangriff am 6. Oktober 1944 fast vollständig zerstört wurde. Die heutige Gestalt des Marktes entsteht also im wesentlichen erst nach dem Zweiten Weltkrieg. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg noch vom Straßenverkehr geprägt, wird der Markt entsprechend eines Beschlusses der Bezirksverordnetenversammlung von 1970 einschließlich der ihn umgebenden Straßen in eine Fußgängerzone umgewandelt, die Sigrid Hoff zufolge die größte in Deutschland sein soll.
Auf dem Grundstück Markt 1 befand sich früher das Rathaus Spandaus. Erste Erwähnungen von Rathäusern findet man laut der Quellen schon im 13. und 14. sowie in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Ein Neubau von 1730 wird 1817 wieder abgerissen und durch einen klassizistischen Neubau ersetzt, der schon 1877 wieder aufgestockt werden muß. Da aber auch dieser Bau zu klein wird, baut man am Südende der Altstadt auf dem nach der Entfestigung der Stadt freigewordenen Gelände in der heutigen Carl-Schurz-Straße 2 das neue Rathaus, in das die Verwaltung 1913 einzieht. Das alte Haus am Markt wird 1929 abgerissen. Diese Fakten zeigen, daß man ohne entsprechende Quellen viele Zusammenhänge nicht erfahren und die Gegebenheiten der heutigen Bebauung nur oberflächlich betrachten könnte.
Hingewiesen sei noch auf das Gebäude Breite Straße Nummer 23 , das im 18. Jahrhundert auf Fundamenten von Findlingen und Backsteinen errichtet wird, was auf eine Bebauung im 14. oder 15. Jahrhundert schließen läßt. Die Fassade wird 1982 neu gestaltet und ein Glockenspiel angebracht. Das danebenstehende Gebäude der Berliner Sparkasse beherbergte früher das Kaufhaus Sternberg , das von den Faschisten “arisiert” wurde. Der Besitzer, der jüdische Kaufmann Julius Sternberg, kann emigrieren und entgeht so der Deportation. Eine Gedenktafel erinnert an ihn.
Bevor man den Markt verläßt, lohnt noch ein Blick in die Marktstraße . Das Eckhaus Marktstraße 1 gilt nach dem Haus Breite Straße 32 als das älteste erhaltene Wohnhaus in der Altstadt und auch das Haus Nummer 7 , das aus dem 18. Jahrhundert stammt, zählt zu den ältesten Gebäuden der Stadt.
Aus der Marktstraße in die Charlottenstraße rechts einbiegend gelangen wir in die Carl-Schurz-Straße . Sie ist eine der Hauptgeschäftsstraßen in der Altstadt. Zunächst fällt das links Kaufhaus Karstadt ins Blickfeld. Aus den Geschichtsquellen erfahren wir, daß dieses Grundstück schon im 13. und 14. Jahrhundert bebaut ist, später Bürgerhäuser verschiedener Zeitabschnitte folgen und daß auch noch einige Häuser aus dem 18. Jahrhundert hier den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs überstehen. Letztere müssen dann allerdings in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts dem Kaufhausbau weichen.
Auch auf der anderen Seite, auf dem Areal zwischen Carl-Schurz-Straße, Moritzstraße und Jüdenstraße, stehen einst Bauten, auf die aus historischer Sicht hinzuweisen lohnt. Im 16. Jahrhundert hatte sich hier der Baumeister Rochus Guerini Graf zu Lynar (1524-1596) einen Palast im Renaissancestil errichtet, der sich in seiner Größe erheblich von der übrigen Bebauung in dieser Gegend unterscheidet. Er bekommt dazu ein Grundstück vom Kurfürsten geschenkt und kauft noch einige hinzu. Lynar, der im Dienste des Kurfürsten steht und den Bau der Zitadelle vollendet, ist auch ein angesehener Bürger der Stadt. Er wohnt in dem Palais bis zu seinem Tode. Sein Grab befindet sich in der Nikolaikirche unter dem Altar, den er stiftete.
Während des Dreißigjährigen Krieges soll sich unter anderem der Schwedenkönig Gustav Adolf mehrmals in diesem Palais aufgehalten haben. Nach dem Ende des Krieges kauft es der Große Kurfürst und läßt darin ein Manufaktur- und Spinnhaus einrichten, später wird daraus ein Zucht- und Spinnhaus. Es wird 1872 aufgelöst und zur Kaserne umgewandelt. Nachdem es der Militärfiskus 1887 verkauft, läßt es der neue Besitzer schließlich 1898 abreißen und das Areal neu bebauen. Davon ist heute nur noch das Haus Nummer 31 vorhanden, allerdings ohne seinen Turmaufsatz, der dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fällt.
Kehren wir aber noch einmal kurz zu dem Zuchthaus zurück. Als berühmtesten Insassen nennen übereinstimmend alle Quellen Johann Gottfried Kinkel, Dichter und Kunsthistoriker aus Bonn, der wegen seiner Teilnahme am pfälzisch-badischen Aufstand 1849 zu lebenslanger Haft verurteilt wird und hier die Strafe verbüßen soll. Carl Schurz, der in Bonn Kinkels Schüler und auch Mitkämpfer in diesem Aufstand ist, befreit ihn mit Hilfe einiger Spandauer Bürger in der Nacht vom 6. zum 7. November 1850. Die Flucht gelingt und beide gehen ins Exil zunächst nach England, später in die Schweiz (Kinkel) beziehungsweise die USA (Schurz).
Hierdurch erfährt nun der Stadtwanderer, warum Carl Schurz mit der nach ihm benannten Straße geehrt wird. Das geschieht im Jahre 1939, als die Potsdamer Straße zur Carl-Schurz-Straße wird. Und Kinkel? Ja, eine Straße erhält auch seinen Namen und zwar schon 1938. Die Nationalsozialisten nehmen dazu jene, die bis dahin Jüdenstraße heißt. Sigrid Hoff bemerkt in ihrem “Stadtteilführer Spandau” dazu berechtigterweise, daß es den Nazis wohl weniger um eine Ehrung Kinkels geht, sondern daß man vielmehr den Namen Jüdenstraße auslöschen will und damit auch die Erinnerung an den mittelalterlichen Standort der Synagoge. Seit einigen Jahren gibt es die Kinkelstraße nicht mehr, sie heißt wieder Jüdenstraße. Es hat lange gedauert, bis man sich dazu entschlossen hat.
Wir stehen also an der Ecke Charlottenstraße / Carl-Schurz-Straße, wo wir die vorstehenden Betrachtungen anstellen. Jetzt die Carl-Schurz-Straße in Richtung Nikolaikirche entlang gehend gelangen wir an der nächsten Kreuzung zur Moritzstraße. Dort, an der Ecke gegenüber, befindet sich eine Apotheke , die laut “Altstadtbummel Spandau und Drumherum” die älteste Apotheke Berlins sein soll und den Namen “Adler-Apotheke” trägt. Aus dieser Quelle erfahren wir auch, daß ihr erster Besitzer, Christoph von Bernau, das Privileg von Kurfürst Johann Sigismund erhält und daß sich diese Urkunde im Besitz des heutigen Apothekeninhabers befindet.
Durch die Moritzstraße gelangen wir zur vorgenannten Jüdenstraße, in die wir links einbiegen. Im Mittelalter gibt es in Spandau schon eine bedeutende jüdische Gemeinde, die zu großen Teilen in dieser Straße ansässig ist. Hier soll sich auch ihre erste Synagoge befunden haben, und zwar am südlichen Ende der Straße an der Stelle, wo sich heute die Stadtbibliothek (beziehungsweise deren Rückseite) befindet. Gegenüber sehen wir einen Spielplatz und dort auch die “Kunstremisen”. Im Bereich des Spielplatzes stand einst die Moritzkirche, die bereits 1766 in eine Kaserne umgewandelt wurde. Der angrenzende Kirchhof wird Mitte des 19. Jahrhunderts zum Kasernenhof und die Kirche schließlich 1920 abgerissen.
Wir gehen von hier aus links an der Häuserzeile am Viktoriaufer entlang in nördlicher Richtung. Wir können hier den Verlauf der ehemaligen Stadtmauer erkennen, deren Reste am Ende der Straße noch sichtbar sind. Dort, wo wir wieder auf die Moritzstraße treffen, bildete diese einst eine Sackgasse. Erst 1893 entsteht mit dem Bau der Moritzbrücke ein Durchbruch zur Neustadt. Vor der Brücke, an der Ecke zum Viktoriaufer, befindet sich ein roter Backsteinbau - ein ehemaliges Schulgebäude, das heute die Musikschule Spandau beherbergt.
Durch die Moritzstraße gehen wir zur Jüdenstraße zurück und biegen wiederum links in diese ein. In nördlicher Richtung endet sie hier als Sackgasse. Auf ihrer östlichen Seite blickt man an ihrem Ende auf den Hof des alten Kant-Gymnasiums. Sicherlich ist das keine große Sehenswürdigkeit, aber wir wollen dennoch auf diesen Ort aufmerksam machen, denn wir wissen aus den entsprechenden Quellen, daß sich an diesem Ort die Sankt-Johannis-Kirche befand, das Gotteshaus der französischen reformierten Gemeinde Spandaus und der dieses umgebende Kirchhof. Der Große Kurfürst holt eine große Anzahl französischer Hugenotten ins Land und in Folge dessen wird auch in Spandau eine solche Gemeinde ansässig. Auf dem Grundstück, das der Große Kurfürst der Gemeinde schenkt, entsteht zunächst um 1670 eine Kapelle und an deren Stelle dann 1751 eine massiv gebaute Kirche. Selbige muß dann aber 1903 der Erweiterung des Schulgebäudes weichen und wird abgerissen.
Ein Stück zurück in der Jüdenstraße gelangen wir zur Kreuzung Ritterstraße. Hier wollen wir noch auf einige sehenswerte Häuser aus “alten Zeiten” hinweisen, wobei auch das nur relativ zu verstehen ist. Das zeigt sich am Beispiel des an der Ecke Jüdenstraße / Ritterstraße stehenden Fachwerkhauses ganz deutlich. Es entsteht gegen Ende des 17. Jahrhunderts, ein Ackerbürgerhaus mit großem Korbbogentor in der Mitte und gilt als Zeichen bürgerlicher Wohnkultur. Im Volksmund wird es “Wendenschloß” genannt, wobei unklar ist, woher der Name stammt, zumal es, wie manche Quellen vermerken, keine Hinweise für eine wendische Besiedelung an dieser Stelle gibt. Das Haus wird mangels Werterhaltung baufällig und infolgedessen 1966 abgerissen. Danach entsteht ein Neubau, den die Nikolaigemeinde als neuer Eigentümer des Grundstückes errichten läßt und dem auf Forderung der Denkmalspflege die heute sichtbare Fachwerkfassade im Stil des historischen Gebäudes vorgeblendet wird. Dazu bemerkt Sigrid Hoff, daß auch dies ein Beispiel dafür ist, “wie manches Alte, das der Krieg selbst noch verschont hatte, verloren ging”.
In der Ritterstraße empfiehlt sich noch ein Blick auf einige Häuser aus unterschiedlichen Zeitepochen, so die Nummer 4 mit spätklassizistischer Fassade, die Nummer 14, ein Fachwerkbau aus dem 18. Jahrhundert und die Nummer 15 mit schöner Jugendstilfassade. Dies sind erfreuliche Beispiele für den Erhalt alter Bausubstanz.
Gehen wir nun durch die Ritterstraße zur Carl-Schurz-Straße zurück und durch diese hindurch in südlicher Richtung, über die Kreuzung Charlottenstraße hinweg bis zur Einmündung der Mauerstraße . Diese führt uns bis zur Straße “Stabholzgarten” und auf den gleichnamigen Platz. Der Name bezieht sich auf einen Platz, auf dem Stabholz für Salztonnen gelagert wurde und der sich bis 1749 auf dieser heutigen Grünanlage befand (Lagerplätze werden in jener Zeit als Garten bezeichnet). Aus der Mauerstraße kommend sehen wir gegenüber das Batardeau. Es handelt sich um die einzige erhaltene Schleusenanlage der Gräben der Festung Spandau, die die Aufgabe hatte, den Wasserstand in den Festungsgräben zu regulieren. Den Verlauf des Festungsgrabens an der Stelle kann man noch an der Reihe hoher Kastanien nachvollziehen, die hier zu sehen sind.
Zurück in die Carl-Schurz-Straße. Bevor wir das Rathaus erreichen, überqueren wir den Mühlgraben, der hier zunächst nur am erhöhten Straßenpflaster erkennbar ist, bis man ihn auf der einen Seite der Brücke gewahrt. Hier befand sich das erstmals 1386 erwähnte Klostertor, das ab 1747 Potsdamer Tor heißt. Die Klostermühle, die das Wasser des Mühlgrabens als Antrieb nutzt, muß dem Bau des Kaufhauses C&A , das wir heute hier sehen, weichen und wird 1963 abgerissen. Verwiesen sei auch noch auf das auf der anderen Straßenseite stehende ehemalige Kaiserliche Postamt, 1890 erbaut, das heute die Stadtbibliothek und Gesundheitseinrichtungen beherbergt.
Folgt man auf dieser Seite dem Mühlgraben hinüber zum Viktoriaufer, so wird ein über 100 m langes erhaltenes Stück der alten im 14. Jahrhundert erbauten Stadtmauer sichtbar, das wir früher schon sahen, als wir von der Jüdenstraße aus das Viktoriaufer in nördlicher Richtung entlanggingen. Auf das andere noch erhaltene Stück der alten Stadtmauer hatten wir schon bei Beginn unseres Stadtspazierganges durch den Behnitz aufmerksam gemacht.
Wenden wir uns nun noch dem Rathaus Spandau zu, dem letzten Punkt unseres Altstadtrundganges, den wir natürlich ebenso hier hätten beginnen können, denn man gelangt sowohl mit der S- und U-Bahn als auch mit verschiedenen Buslinien dorthin. Das will heißen, daß wir hier, am Rathausvorplatz einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt vorfinden. Bemerkenswert ist der neue Fern- und Regionalbahnhof , der 1999 eröffnet wurde und an dem auch ICE-Züge halten. Hierher kann man nicht nur mit der S-, sondern auch mit der Regionalbahn schnell von Berlins Mitte gelangen. Im Zuge der Neugestaltung dieses Bereiches entstanden auch die neben dem Bahnhof in der Klosterstraße gelegenen Spandau-Arcaden, ein modernes, im November 2001 eröffnetes Einkaufszentrum, oder auch die “Ellipse” , ein seit 2005 existierendes Gebäude mit ebenfalls zum Einkauf einladenden Geschäften.
Wir jedoch wollen den Blick auf das imposante Rathaus, Carl-Schurz-Straße 2-3 richten. An dieser Stelle befand sich früher die Bastion I der Stadtbefestigungsanlagen. Das Gelände kann neu bebaut werden, da es nach dem Abriß der Festungsanlagen 1903 frei wird. Das Rathaus entsteht zwischen 1911 bis 1913 nach Entwürfen der Architekten Reinhardt und Süßenguth, die zuvor schon das Charlottenburger Rathaus gebaut hatten. Da der Baugrund ziemlich schlecht ist, kann der Turm, der 77,5 Meter hoch ist - andere Quellen sprechen von 72 Meter oder sogar 80 Meter Höhe - wohl aus statischen Gründen nicht in die Hauptfassade integriert, sondern muß separat auf dem Hof errichtet werden. Interessant ist auch der stark betonte Mitteltrakt mit den Eingängen des Gebäudes. Der halbrunde Segmentgiebel zeigt das Stadtwappen und die Inschrift:
”Erbaut unter der Regierung Kaiser Wilhelm des Zweiten von der Bürgerschaft in den Jahren 1910 - 1913.”
Ebenfalls interessant ist, daß die Bildhauerarbeiten, von Heinrich Giesecke entworfen, von den Bildhauern Schilling und Höfler in Stein übertragen werden und daß im Erdgeschoß des Rathauses die Plastik “Eselsreiter” von August Gaul, dem zur damaligen Zeit berühmten Gestalter von Tierplastiken, aufgestellt wird.
Das Rathaus bildet den südlichen Abschluß der Altstadt und mit seinem Turm ein gewisses Gegenstück zur Nikolaikirche am nördlichen Ende. Natürlich gab es auch schon vor seiner Errichtung ein Rathaus in Spandau. Dieses befand sich am Markt, wo wir es bereits erwähnt hatten. Da es zu klein wird, leistet sich die Spandauer Bürgerschaft den Neubau, der immerhin so großzügig ausfällt, daß er noch heute den Ansprüchen des Spandauer Bezirksamtes genügt. Erwähnt sei noch, daß das Rathaus im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und bis 1957 mit einem neu gestalteten Turmabschluß wieder hergestellt wird.
Wir beenden hier nun unseren Spaziergang durch die Altstadt Spandau. Wir hoffen, daß wir dem Leser dieser Zeilen einige interessante Informationen zu den sichtbaren, aber auch zu den unsichtbaren historischen Zeugnissen in der Spandauer Altstadt geben konnten. Ohne die angegebenen Quellen hätten wir vor allem über letztere nichts in Erfahrung bringen können. Wie wir schon erwähnt hatten, sieht man nur das, was man kennt, aber wir müssen hier noch hinzufügen, daß man dazu auch über gute Quellen verfügen muß, um sich die entsprechenden Kenntnisse anzueignen. Auf die Spandauer Altstadt bezogen wollen wir daher mit Sigrid Hoff schließen, die in ihrem “Stadtteilführer Spandau” bemerkt, daß das Stadtbild zwar nach dem Zweiten Weltkrieg repariert wurde, die Stadtgeschichte sich dem Vorübergehenden aber nicht mehr mitteilt.
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