BerlinerBär
Die Geschichte Spandaus

Von Johannes Glintschert.

Spandau, am Zusammenfluß von Spree und Havel gelegen, ist eine mittelalterliche städtische Siedlung, deren erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahre 1232 datiert - also fünf Jahre früher als jene von Berlin-Cölln. Der Name  Spandau taucht jedoch noch eher auf, nämlich in einer Urkunde des Markgrafen Otto II. von Brandenburg aus dem Jahre 1197, in der ein Vogt der Burg „Spandowe“ genannt wird. Spandau soll um 1230 das Stadtrecht erhalten haben, was in dem genannten Dokument von 1232 beurkundet wird. Es befindet sich im Spandauer Stadtgeschichtlichen Museum, allerdings nur als Abschrift aus dem 15. Jahrhundert. Dennoch gilt es als Gründungsurkunde der Stadt, da keine anderen Belege zur Verfügung stehen. Unsicherheit besteht jedoch darin, ob diese Kopie den tatsächlichen Wortlaut der genannten Privilegien wiedergibt.

Havelland, Zauche und Teltow um 1150

Havelland, Zauche und Teltow um 1150.

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Die Anlage der Stadt dürfte allerdings um einiges älter sein, wie aus verschiedenen archäologischen Funden zu schließen ist. So geht aus den vorhandenen Quellen hervor, daß es bereits germanische und slawische Besiedlungen in früheren Jahrhunderten in diesem Raum gibt, in deren Folge auch mehrere Burganlagen entstehen.

Im 12. Jahrhundert entwickelt sich eine deutsche Kaufmannssiedlung, die in den Burgbereichen entsteht. Einer der wesentlichen Gründe dafür dürfte vor allem die günstige Lage an den Handelswegen, die hier die Wasserstraßen von Spree und Havel kreuzen, sein.

Mitte desselben Jahrhunderts übernimmt Markgraf Albrecht von Ballenstedt, genannt der Bär, die Mark Brandenburg und damit auch das Havelland. Die in seine Hände gefallenen Slawenburgen auf dem Spandauer Burgwall und an der Stelle der heutigen Zitadelle läßt er ausbauen und damit wichtige Befestigungen zur Sicherung seiner Macht und nicht zuletzt der Handelswege schaffen. Er selbst bezeichnet sich in einer Urkunde von 1157 als Ersten Markgrafen von Brandenburg, was historisch als Gründungsjahr der Mark Brandenburg gilt.

Im weiteren Verlauf wird die Siedlung am Burgwall aufgegeben und weiter nördlich in den Bereich der heutigen Nikolaikirche verlegt - wegen häufiger Überschwemmungen, wie man heute annimmt. Ende des 12., Anfang des 13. Jahrhunderts wird diese Siedlung noch erweitert und es entsteht ungefähr das Gebiet der heutigen Altstadt ohne den Behnitz, der erst im Jahre 1240 eingemeindet wird.

Siegel Spandaus um 1352

Siegel Spandaus um 1352

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In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ist die Stadt von einer Holzpalisade mit einem Wassergraben davor umgeben. Da das wohl als nicht mehr ausreichend angesehen wird, beginnt man 1319 mit dem Bau einer steinernen Stadtmauer. Vier Tore sichern den Zugang zur Stadt. Mitte des 14. Jahrhunderts werden sie namentlich wie folgt erwähnt:

  • Klostertor (am Südende der heutigen Carl-Schurz-Straße),
  • Heidetor (an deren nördlichen Ende),
  • Mühlentor (auf dem Behnitz) und
  • Teltower Tor, späteres Stresowtor (an der heutigen Charlottenbrücke).

Vorstädte entwickeln sich an zwei Stellen. Auf dem linken Havelufer „Der Stresow“ und nördlich der Altstadt die Oranienburger Vorstadt.

Mit dem Tod des Markgrafen Waldemar 1319 und dem seines Vetters Heinrich ein Jahr später endet die Herrschaft der Askanier in Brandenburg. Knapp einhundert Jahre später beginnt die der Hohenzollern, als im Jahre 1417 Friedrich IV., Burggraf zu Nürnberg, von Kaiser Sigismund mit der Kurmark Brandenburg belehnt wird. Als Kurfürst von Brandenburg nennt er sich Friedrich I. Das ist zugleich der Beginn einer rund fünfhundertjährigen Herrschaft der Hohenzollern in Berlin, Brandenburg-Preußen und letztlich in Deutschland, die erst im Jahre 1918 nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Novemberrevolution mit der unrühmlichen Abdankung des Kaisers Wilhelm II. endet.

Denkmal für Kurfürst Joachim II. vor der Nikolaikirche in Spandau

Denkmal für Kurfürst Joachim II. vor der Nikolaikirche in Spandau.

Quelle: Flickr, Fotograf: Alexander Glintschert
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Mehr noch als unter den Askaniern zeigt sich unter der Herrschaft der Hohenzollern, wie eng die Geschichte Spandaus mit der Berlins und der Mark Brandenburg insgesamt verwoben ist. Bis in das erste Drittel des 16. Jahrhunderts noch katholisch geprägt, wird in der Mark Brandenburg schließlich die Reformation eingeführt. Als prägnantes Datum dafür gilt der 1. November 1539, als Kurfürst Joachim II. in der Nikolaikirche von Spandau das Abendmahl nach der Lehre Luthers empfängt. Selbiges geschieht einen Tag später nochmals in der Nikolaikirche in Berlin.

Dieser Kurfürst ist es auch, der das Schloß Spandau in eine Festung, die Zitadelle, umbauen läßt. 1560 ist Baubeginn, aber erst 1594 wird der Bau unter der Leitung des italienischen Baumeisters Graf Rochus zu Lynar, der seit 1578 an den Hof des Kurfürsten Johann Georg (Sohn des 1571 verstorbenen Joachim II.) berufen und 1593 zum Hauptmann von Spandau ernannt wird, vollendet.

Es kann nicht verwundern, daß mit dem Ausbau zur Festung die militärische Bedeutung Spandaus zunimmt. Das wird erstmals im Dreißigjährigen Krieg sichtbar, als die Stadt durch die Festung ein relativ gesicherter Platz ist und selbst der Kurfürst, seit 1619 Georg Wilhelm, vor den Truppen Wallensteins und Gustav Adolfs in die Festung - und später nach Königsberg - flüchtet. Der schwedische König quartiert sich 1631 mit seinen Truppen in Spandau ein.

Auch im Siebenjährigen Krieg unter König Friedrich II. dient die Festung 1757 als Asyl für den königlichen Hof, als österreichische Truppen auf Berlin marschieren.

Spandau mit der Zitadelle im 17. Jahrhundert.

Spandau mit der Zitadelle im 17. Jahrhundert.

Quelle: Wikimedia Commons, Autor: Matthäus Merian der Ältere (1620-1650)
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Bemerkenswert ist auch die Rolle der Festung im Kampf gegen Napoleon. Am 14. Oktober 1806 unterliegen die preußischen Truppen in der Schlacht bei Jena und Auerstedt, und zehn Tage später ziehen die Franzosen in Berlin ein. Am selben Tag besetzen sie Spandau. Die Festung wird kampflos übergeben und von Napoleon besichtigt. Die Franzosen halten sie bis 1808 besetzt. Danach wird sie zwar wieder preußisch, aber 1812 richten die Franzosen - mittlerweile ist Preußen mit ihnen gegen Rußland verbündet - erneut eine starke Garnison in Spandau ein. Nach dem gescheiterten Rußlandfeldzug Napoleons wird Spandau von russischen und preußischen Truppen, die inzwischen an der Seite Rußlands gegen die Franzosen kämpfen, besetzt, die Festung eingeschlossen und stark umkämpft. Der französische Kommandant, General von Bruny läßt die Häuser vor dem Stresow, die Potsdamer und Oranienburger Vorstädte und die Gebäude hinter der Gewehrfabrik niederbrennen, um freies Schußfeld zu erlangen. Nach intensivem Beschuß ab dem 18. April 1813 - unter anderem wird das Pulvermagazin in der Bastion König getroffen - kapitulieren die Franzosen am 24. April 1813 und verlassen die Stadt, die zwar sehr zerstört ist, aber wie durch ein Wunder nur zwei zivile Opfer unter ihren Bürgern zu beklagen hat. In der Nikolaikirche findet ein Dankgottesdienst statt.

Alte Charlottenbrücke in Spandau, gebaut 1886.

Alte Charlottenbrücke in Spandau, gebaut 1886. Sie wurde 1929 durch einen Neubau ersetzt.

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Zur militärischen Seite ist noch anzumerken, daß bereits 1722 auf Veranlassung König Friedrich Wilhelms I., des "Soldatenkönigs", die erste Gewehrfabrik (nördlich der Spreemündung) errichtet wird. Es folgen, vor allem im 19. Jahrhundert, Pulverfabrik, Munitionsfabrik, Geschützgießerei sowie eine Artilleriewerkstatt, wodurch Spandau durch Rüstungsindustrie geprägt wird. Das wird auch dadurch unterstrichen, daß nach dem Krieg 1870/71 gegen Frankreich die Festung weiter ausgebaut werden soll. Dazu sind vier Millionen Taler, aus der französischen Kriegsentschädigung stammend, vorgesehen, die in Goldmünzen im Juliusturm der Zitadelle eingelagert werden. Weitere Festungsanlagen entstehen. Mit diesen Festlegungen wird zugleich die Erweiterung der Stadt behindert. Erst 1903 wird per Kabinettsorder die Entfestigung der Stadt beschlossen, Festungsanlagen und -wälle werden abgetragen.

Im Ersten Weltkrieg steigt die militärische Bedeutung Spandaus wieder stark an. Die Rüstungsproduktion nimmt enorm zu, die Zahl der Beschäftigten erhöht sich von 15.000 auf 70.000. Mit der Schließung dieser Betriebe nach dem Krieg werden mehr als 40.000 Menschen arbeitslos. 1918 endet mit dem Ersten Weltkrieg und im Ergebnis der Novemberrevolution die deutsche Monarchie und es entsteht die Weimarer Republik, so genannt nach dem Ort der Verfassungsgebung.

Ein wesentliches Datum für Spandau ist dann der 27. April 1920. Der Preußische Landtag beschließt ein Gesetz, wonach acht Städte sowie 59 Landgemeinden zu Groß-Berlin zusammengeschlossen werden. Spandau gehört selbstverständlich dazu - es wird der achte Verwaltungsbezirk von Groß-Berlin. Die Spandauer Bürger allerdings sind damals wohl wenig von dieser Eingemeindung begeistert, wie aus vielen Quellen hervorgeht.

In der Zeit der Weimarer Republik ist auch Spandau von allen Höhen und Tiefen der gesellschaftlichen Entwicklung betroffen. Die nach der Inflation einsetzende relative Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung endet bereits mit der Weltwirtschaftskrise 1929, was für die Betriebe und deren Beschäftigte in Spandau von verheerender Wirkung ist. So haben es die Nationalsozialisten und ihre Partei, die NSDAP, auch in Spandau relativ leicht, Gehör zu finden, und können schon Anfang der dreißiger Jahre einen großen Zulauf verzeichnen. Sie wählen Spandau zum Ausgangspunkt ihrer Versuche, in Berlin Fuß zu fassen. Hier beteiligen sie sich auch erstmals an Berliner Wahlen.

Nach der Übernahme der Macht durch die Faschisten 1933 wird Spandau erneut bedeutender Rüstungsstandort und mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 auch wieder militärische Garnison. Damit geht zwar wieder eine wirtschaftliche Erholung einher, wovon Betriebe und auch Handwerker profitieren. Wo diese aber schließlich endet, ist nur allzu gut bekannt.

Zugleich setzt vor allem die Verfolgung jüdischer Bürger und politischer Gegner durch die Faschisten ein. Sie gehen brutal gegen Kommunisten und Sozialdemokraten vor, deren Parteien schnell verboten werden. Jüdische Bürger werden aus allen öffentlichen Ämtern entfernt und aus ihren Wohnungen verdrängt, ihr Besitz wird "arisiert" und sie werden von jeglichem kulturellen und gesellschaftlichen Leben ferngehalten. Verstärkt nach 1941 setzen die Deportationen in die Konzentrationslager ein. In der Pogromnacht am 9. November 1938, von den Nazis als "Reichskristallnacht" bezeichnet, zünden die Nazis die 1895 errichtete Synagoge in der Ecke Kammerstraße/Lindenufer an, die völlig niederbrennt. Der Rabbiner wird verhaftet und in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Ihm gelingt jedoch die Flucht nach England. 1945 gibt es in Spandau fast keine jüdischen Bürger mehr. An diese faschistischen Untaten erinnert heute ein Denkmal am Lindenufer, wo einst die Synagoge stand.

Auch Spandau hat den faschistischen Wahn mit großen Verlusten zu büßen. Schwere Luftangriffe treffen vor allem die Innenstadt. Am 6. Oktober 1944 wird der Turm der Nikolaikirche durch Brandbomben zerstört, und am 28. März 1945 fällt die gesamte historisch so wertvolle Altstadt dem Bombenhagel zum Opfer. Der Vollständigkeit halber muß erwähnt werden, daß ebenso die Industrieanlagen der Stadt schwer getroffen werden. Den Rest besorgen noch schwere Straßenkämpfe mit sowjetischen Truppen, da die Faschisten auch noch bis fünf nach zwölf für den "Endsieg" kämpfen. Nach der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 ist Spandau zunächst von der Roten Armee besetzt, wird dann aber gemäß alliierter Vereinbarungen ab Juli 1945 Bestandteil des britischen Sektors.

In den 1950er und 1960er Jahren wird der Wiederaufbau durchgeführt, die Kriegsschäden werden beseitigt, neue Wohnbauten und Betriebsstätten entstehen. Militärische Einrichtungen verschwinden, Rüstungsbetriebe werden demontiert, Kasernen noch von den britischen Truppen oder auch zivil genutzt. Neue Verkehrsbauten, wie beispielsweise der Altstädter Ring, entstehen, um dem zunehmenden Straßenverkehr gerecht zu werden. Die Straßenbahn fährt 1967 zum letzten Mal durch die Altstadt. Die U-Bahnlinie U7 wird vom Rohrdamm bis zum Rathaus Spandau verlängert. Der neue Streckenabschnitt geht 1984 in Betrieb.

Der Marktplatz in der Spandauer Altstadt

Blick durch die heutige Fußgängerzone vom Reformationsplatz die Carl-Schurz-Straße entlang.

Quelle: Flickr, Fotograf: Alexander Glintschert
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Allerdings wird in dieser Zeit ein Problem immer sichtbarer: es wird oft zu wenig Rücksicht auf den Erhalt alter Bausubstanz genommen, historische Altstadthäuser verfallen. Dies erkennend wird zunehmend die Sanierung in Angriff genommen. 1978 wird die Altstadt zum Sanierungsgebiet erklärt. Häuser werden restauriert, auch Neubauten entstehen. Das historische Zentrum erfährt eine merkliche Aufwertung, vor allem auch dadurch, daß sein Straßennetz zur größten Fußgängerzone Berlins (manche Quellen sprechen sogar von der größten Fußgängerzone Deutschlands) umgestaltet wird.

Der Fall der Mauer 1989 und die Wiedervereinigung 1990 bringen auch in und für Spandau viele Veränderungen mit sich. Die letzten britischen Soldaten verlassen Spandau im Dezember 1994. In den Jahren nach der Wende entwickelt sich Spandau zu einem sehr modernen Berliner Stadtbezirk mit hohem Wohn- und Freizeitwert, der über eine Vielzahl wirtschaftlicher, kultureller sowie Erlebnis- und Erholungsmöglichkeiten verfügt.

Bemerkenswert sind dabei vor allem der 1998 fertiggestellte neue Fern- und S-Bahnhof am Rathaus, der die Verkehrsanbindung des Stadtbezirkes wesentlich verbessert, das in seiner Nähe im Jahre 2001 entstandene Einkaufscenter "Spandau-Arcaden" sowie das in seiner unmittelbaren Nachbarschaft gebaute und 2005 eröffnete architektonisch interessante Gebäude "Ellipse" mit einer Reihe weiterer Geschäfte, die einen Einkaufsbummel zum Erlebnis werden lassen.

Natürlich war, ist und bleibt die Spandauer Altstadt mit ihrer Vielzahl an Sehenswürdigkeiten und auch Geschäften, die zum Betrachten und Flanieren einladen, das historische und kulturelle Herzstück des Bezirkes. Abschließend sei aber noch betont, daß Spandau mit der Zitadelle über ein Kulturdenkmal von europäischer Bedeutung verfügt.

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© 2003-2012, Alexander Glintschert
Zuletzt geändert: 07 August, 2012